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| Bald Vergangenheit Dank Klimawandel? |
Unsere Region ist leider nachweislich besonders sommerwarm in Kombination mit trocken, wir sind seit Jahren Vorreiter für so einige Probleme, die Jahr für Jahr auch andere Regionen immer deutlicher spüren. Auch dieses Jahr gab es hier nicht einmal nennenswert Äpfel, von den meisten Bäumen nichts, manchmal extrem früher Austrieb wegen Wärmewinter und dann Frostschaden an Früchten oder Blüten, manchmal verzwergt wegen Hitze und Trockenheit, manchmal Wachstumsstop so dass sie Mitte Oktober noch kleingrün am Baum hingen. Was es gab, waren tote Äste, tote Jungbäume, Rindenbrand, Sonnenbrand. Für Hobbygärtner ohne Bewässerung und Beschattung schliesst sich hier das Fenster für eigene Äpfel, die Bäume sterben oder sind schon weg. Was besser gelingt, sind Quitten und Mandeln.
Und Birnen, wie siehts da aus? Da ist seltsames zu sehen. Die Hälfte der Sorten zeigte wieder einmal Trockenschäden mit Fruchtabwurf oder verzögerte Reife, ähnlich Apfel. Aber je nach Sorte und Wuchsort waren auch ganz erstaunliche Ernten zu sehen. Und noch überraschender: Manche Spätsorten, die früher nicht mal richtig reif wurden haben sogar richtig viel, süsse und grosse Früchte. Wie kommt das? Woran liegts?
Sortenüberraschungen
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| Das ist doch nie im Leben eine Josefine von Mechelen |
Das Musterbeispiel ist eine Sorte, über die ich schon oft und ausgiebig geflucht habe. Gekauft mit weiteren Sorten als die Winterbirne "Josefine von Mechelen" bei einem teuren Fachbetrieb westlich von Kaiserslautern, doch die gesamte Lieferung bestand aus grandios falschen Sorten, nur die Etikettennamen entsprachen meiner Bestellung. Der Chef war pomologisch sehr engagiert, aber den Betrieb hatte er eindeutig nicht im Griff. Nie wieder, aber das ist hier nicht Thema. Als sie nach Jahren endlich begann zu tragen, habe ich herumgerätselt: Ist das wirklich eine Josefine? Kann eigentlich nicht sein. Sieht ganz anders aus, wächst stärker, schmeckte Jahr für Jahr wie eine Mostbirne, hatte viel zu viele Gerbstoffe, wurde erst Ende Oktober gelblich und pflückbar, im Lager nicht haltbar wie eine Josefine. Sie reifte auf im Lager überhaupt nicht nach. Der Baum machte Mühe, musste auch stärker erzogen werden. Umsägen, den sehr wertvollen Platz neu bepflanzen? War immer kurz davor. Immerhin, die Birnen taugten als Kochbirne recht viel. Gekocht hielten sie die Form, Aroma wurde beim kochen sehr gut, dafür war sie wenigstens brauchbar.
Sortenzufälle
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| Kerne der Falschsorte |
Schliesslich wagte ich mich an die Bestimmung. Mit sehr vielen Vergleichen, Beschreibungen, Hilfe von anderen Birnenkundigen im Garten-pur Forum entpuppte sich die Sorte als eine "Belle Epine Du Mas", deutscher Namen "Dumas Herbstdorn". Es war aber kompliziert: In Deutschland gab es sie angeblich auch manchmal, aber sie spielte nie eine Rolle und die deutschen Bilder und Beschreibungen entsprachen auch kaum meiner Birne, etwa was das Erhalternetzwerks Obstsortenvielfalt veröffentlichte. Aber was im Herkunftsland Frankreich über sie geschrieben und gezeigt wurde, dazu passten sie fast perfekt und auch zu dem von Pro specie rara der Schweiz. Sie hatte in Frankreich schon vor 150 Jahren sehr viele Namen, heisst auch Herzog von Bordeaux, Duc de Bordeaux (Vorsicht, es gibt auch eine "Herzogin von Bordeaux" Birne, Beurre Perrault, Doyenne de Montjean). Sie stammt aus Südwestfrankreich, der Dordogne, einem Dorf "Le Mas". Im Sommer liegen die Temperaturen dort im Schnitt etwa 5 °C höher als in Deutschland. Der Sommer ist lang, trocken, sonnig und oft heiss. Im Juli und August gab es schon früher Hitzewellen mit 35 bis 40 °C, nicht erst mit der jüngsten allgemeinen Erwärmung. Erst gegen Ende Oktober nimmt die Feuchtigkeit zu. Man könnte sagen, dort war das Wetter genau so, wie es heute in unserer Region ist.
Von der Fehllieferung zum Treffer
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| Auf der Sonnenseite werden sie rot |
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| Reif, süss, Gerbstofffrei, lecker. Der ersten wirklich guten Belle Epine du Mas Birnen |
In diesem trockenen Hitzesommer trug sie ungerührt zwei Kisten -wie immer- schorffreier Birnen, für einen mässig grossen Baum nicht schlecht. Da es früh trocken wurde, hatten sie weniger Regenfleckenpilze, wie sonst immer, was der Tallage geschuldet ist. Sie wurden auch grösser als in den Jahren zuvor und zeigen Mitte Oktober einen Reifegrad, den sie früher nie hatten, hatten über 60° OE, manche Früchte fast 70. Grössere Früchte haben ein Gewicht von 250g, einige über 300g. Die Gerbstoffe waren im Gegensatz zu kühleren Jahren vollständig abgebaut und weg, die Birne wurde wunderbar süss, richtig saftig, angenehm, auch etwas Aroma zeigte sich. Sie erinnerte an den melonigen Stil einer guten Luise. Die Steinzellen um das Kernhaus waren weniger und kleiner wie in den Jahren vorher. Das Fruchtfleisch war wie in den Beschreibungen fest, aber jetzt brach sie leichter, zeigte dann perluttartige Bruchkarten, war leichter kaubar und das Fruchtfleisch gab den Saft gut frei. In Frankreich heisst dieser Birnentyp "Messerbirnen", sie schmelzen nicht oder nur halb, die fest bleibenden Früchte werden mit dem Messer zerlegt und gegessen. Die Schale bekam bei einigen Früchten Farbe, ein warmes Ziegelrot bis Terrakottarot mit rost- und bronzefarbenen Nuancen. Durch die feine Punktierung und leichte Berostung auf der Schale wirkte der Rotton matt, erdig und rustikal, ähnlich wie gebrannter Ton. Ringsum krepierten Bäume und stellten Wachstum und Reife ein, doch diese Birne lieferte endlich Qualität.
Was macht den Erfolg aus?
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| Belle Epine ist eine "Messerbirne". Saftig, wirkt aber optisch trocken, griessig und rübig |
Ist es also nur die Sorte, die den Erfolg ausmacht? Sorte aus dem Süden pflanzen, dann klappts wieder? Leider nicht. Bei Birnen kommt noch mehr dazu. Alles muss erfüllt sein. Ein weiterer Punkt sind Wurzel und Boden. Auf arteigener Unterlage wurzeln Birnen nämlich mit einer Pfahlwurzel sehr tief, hat der Boden Lehm, dann kann ein älterer Baum damit einen trockenen Sommer gut überstehen, weil er weit in die tiefen und noch feuchten Bodenschichten vordringt, was Äpfel nicht schaffen. Unsere Böden sind an Hängen flachgründig, dort wachsen Birnen aus diesem Grund sowieso nicht. Aber im Tal und oft oben sind sie dagegen tiefgründig. Eine Birne mit Trockenschäden kann also auch auf ungeeigneten Boden zurückgehen.
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| Volle Kiste gelungener reifer "Belle Epine du Mas" |
Die Sortenspreizung der Ansprüche ist bei Birnen viel höher. Man kann nur ausprobieren. Erkenntnisse der letzten Jahre dazu:
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| Auch das Laub von Dumas Herbstdorn ist gesund |
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| Fruchtfleisch BEdM, wenn sie ausgereift ist |
- Die Herkunft einer Sorte ist nur ein Hinweis, tatsächlich gibts auch Birnen aus dem Norden, die der Hitze widerstehen, beispielsweise hatte ich eine gute Ernte von Clara Frijs (aus Dänemark, dort Hauptsorte). Sie war ausgerechnet auf eine "Uta" aufveredelt, die wie immer völlig versagte und verbrannte, Früchte und Blätter. An der Wurzel und dem Stamm lag es also nicht, denn das war die versagende Uta.
- Die Sorten im Hausgarten auf Quittenunterlage wurden auch gut, denn hier konnte ich etwas bewässern. Mit Zusatzwasser haben sie die Hitze nicht nur gut überstanden, sondern trugen auch besonders grosse und gute Früchte.
- Mostbirnen in der Landschaft erreichen in Hitzejahren exzellente Zuckergehalte, die Bäume werden sowieso nur auf geeigneten Bodenverhältnissen gross, ansonsten werden sie nicht alt. Die Gerbstoffgehalte waren aber bei dieser Sortengruppe nicht beeinflusst. Ich habe Saft aus ein paar mir bekannten Sorten gepresst, nach der nötigen Gerbstoffreduktion war er sehr süss, 20% mehr Zuckergehalt wie in früher normalen Jahren.
- Die Pfahlwurzel im guten Boden eicht nicht: Viele als robust geltende alte Sorten, auch Sommersorten versagten, egal auf welcher Wurzel. Die neuen Wetterverhältnisse mischen auch die Karten neu. Leider gehörten zu den Versagern auch das Stuttgarter Geisshirtle oder die Sommermuskatellerbirne.
- Hochinteressant sind nun späte Sorten, die früher aufgrund ihrer Wärmebedürftigkeit nur fürs Spalier empfohlen wurden, sie liegen jetzt häufig im grünen Bereich: Winterdechant, späte gute Luise, Esperens Bergamotte, Edelcrassane, Oliver de Serres, Notaire Lepin, Herzogin von Angoulême, Le Lectier und vieles mehr, das in Deutschland bisher sehr selten war und bestenfalls als Spalierbirne an Hauswänden gut wurde. Nun läuft plötzlich was.
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| Guter Behang Belle Epine du Mas |
Somit ist festzustellen: Bei Birnen besteht begründete Hoffnung im Hobbyobstbau trotz den ständigen Hitze- und Wüstensommern. Wer heute pflanzt, muss das aber nach ganz anderen Gesichtspunkten tun wie noch vor 15 Jahren. In welchen neuen Mustern diese Schussfahrt in ganz neue Wetterparameter hinein endet und wann das sein wird, kann freilich keiner voraussehen. Klar ist, dass auch heute gepflanzte Sorten in 15 Jahren schon wieder untauglich sein können. Da es aber sicher nicht mildfeuchter werden wird, sondern alle Zeichen auf mehr Extreme bei gleichzeitig höheren Temperaturen stehen, ist es mit Sicherheit sinnvoll, bei jeder Obstart auf Hitzetoleranz und Trockentoleranz zu setzen, die verlängerte Vegetationsphase zu nutzen. Birnen sind mit dabei und haben Zukunft.
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| Einige Früchte ganz schon schwer |











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