Dienstag, 3. November 2026

Birnen im Klimwandel: Es gibt Hoffnung

Bald Vergangenheit Dank Klimawandel?

Unsere Region ist leider nachweislich besonders sommerwarm in Kombination mit trocken, wir sind seit Jahren Vorreiter für so einige Probleme, die Jahr für Jahr auch andere Regionen immer deutlicher spüren. Auch dieses Jahr gab es hier nicht einmal nennenswert Äpfel, von den meisten Bäumen nichts, manchmal extrem früher Austrieb wegen Wärmewinter und dann Frostschaden an Früchten oder Blüten, manchmal verzwergt wegen Hitze und Trockenheit, manchmal Wachstumsstop so dass sie Mitte Oktober noch kleingrün am Baum hingen. Was es gab, waren tote Äste, tote Jungbäume, Rindenbrand, Sonnenbrand. Für Hobbygärtner ohne Bewässerung und Beschattung schliesst sich hier das Fenster für eigene Äpfel, die Bäume sterben oder sind schon weg. Was besser gelingt, sind Quitten und Mandeln.

Und Birnen, wie siehts da aus? Da ist seltsames zu sehen. Die Hälfte der Sorten zeigte wieder einmal Trockenschäden mit Fruchtabwurf oder verzögerte Reife, ähnlich Apfel. Aber je nach Sorte und Wuchsort waren auch ganz erstaunliche Ernten zu sehen. Und noch überraschender: Manche Spätsorten, die früher nicht mal richtig reif wurden haben sogar richtig viel, süsse und grosse Früchte. Wie kommt das? Woran liegts?

Sortenüberraschungen 

Das ist doch nie im Leben eine Josefine von Mechelen

Das Musterbeispiel ist eine Sorte, über die ich schon oft und ausgiebig geflucht habe. Gekauft mit weiteren Sorten als die Winterbirne "Josefine von Mechelen" bei einem teuren Fachbetrieb westlich von Kaiserslautern, doch die gesamte Lieferung bestand aus grandios falschen Sorten, nur die Etikettennamen entsprachen meiner Bestellung. Der Chef war pomologisch sehr engagiert, aber den Betrieb hatte er eindeutig nicht im Griff. Nie wieder, aber das ist hier nicht Thema. Als sie nach Jahren endlich begann zu tragen, habe ich herumgerätselt: Ist das wirklich eine Josefine? Kann eigentlich nicht sein. Sieht ganz anders aus, wächst stärker, schmeckte Jahr für Jahr wie eine Mostbirne, hatte viel zu viele Gerbstoffe, wurde erst Ende Oktober gelblich und pflückbar, im Lager nicht haltbar wie eine Josefine. Sie reifte auf im Lager überhaupt nicht nach. Der Baum machte Mühe, musste auch stärker erzogen werden. Umsägen, den sehr wertvollen Platz neu bepflanzen? War immer kurz davor. Immerhin, die Birnen taugten als Kochbirne recht viel. Gekocht hielten sie die Form, Aroma wurde beim kochen sehr gut, dafür war sie wenigstens brauchbar.

Sortenzufälle 

Kerne der Falschsorte

Schliesslich wagte ich mich an die Bestimmung. Mit sehr vielen Vergleichen, Beschreibungen, Hilfe von anderen Birnenkundigen im Garten-pur Forum entpuppte sich die Sorte als eine "Belle Epine Du Mas", deutscher Namen "Dumas Herbstdorn". Es war aber kompliziert: In Deutschland gab es sie angeblich auch manchmal, aber sie spielte nie eine Rolle und die deutschen Bilder und Beschreibungen entsprachen auch kaum meiner Birne, etwa was das Erhalternetzwerks Obstsortenvielfalt veröffentlichte. Aber was im Herkunftsland Frankreich über sie geschrieben und gezeigt wurde, dazu passten sie fast perfekt und auch zu dem von Pro specie rara der Schweiz. Sie hatte in Frankreich schon vor 150 Jahren sehr viele Namen, heisst auch Herzog von Bordeaux, Duc de Bordeaux (Vorsicht, es gibt auch eine "Herzogin von Bordeaux" Birne, Beurre Perrault, Doyenne de Montjean). Sie stammt aus Südwestfrankreich, der Dordogne, einem Dorf "Le Mas". Im Sommer liegen die Temperaturen dort im Schnitt etwa 5 °C höher als in Deutschland. Der Sommer ist lang, trocken, sonnig und oft heiss. Im Juli und August gab es schon früher Hitzewellen mit 35 bis 40 °C, nicht erst mit der jüngsten allgemeinen Erwärmung. Erst gegen Ende Oktober nimmt die Feuchtigkeit zu. Man könnte sagen, dort war das Wetter genau so, wie es heute in unserer Region ist.

Von der Fehllieferung zum Treffer 

Auf der Sonnenseite werden sie rot
Reif, süss, Gerbstofffrei, lecker.
Der ersten wirklich guten Belle Epine du Mas Birnen

In diesem trockenen Hitzesommer trug sie ungerührt zwei Kisten -wie immer- schorffreier Birnen, für einen mässig grossen Baum nicht schlecht. Da es früh trocken wurde, hatten sie weniger Regenfleckenpilze, wie sonst immer, was der Tallage geschuldet ist. Sie wurden auch grösser als in den Jahren zuvor und zeigen Mitte Oktober einen Reifegrad, den sie früher nie hatten, hatten über 60° OE, manche Früchte fast 70. Grössere Früchte haben ein Gewicht von 250g, einige über 300g. Die Gerbstoffe waren im Gegensatz zu kühleren Jahren vollständig abgebaut und weg, die Birne wurde wunderbar süss, richtig saftig, angenehm, auch etwas Aroma zeigte sich. Sie erinnerte an den melonigen Stil einer guten Luise. Die Steinzellen um das Kernhaus waren weniger und kleiner wie in den Jahren vorher. Das Fruchtfleisch war wie in den Beschreibungen fest, aber jetzt brach sie leichter, zeigte dann perluttartige Bruchkarten, war leichter kaubar und das Fruchtfleisch gab den Saft gut frei. In Frankreich heisst dieser Birnentyp "Messerbirnen", sie schmelzen nicht oder nur halb, die fest bleibenden Früchte werden mit dem Messer zerlegt und gegessen. Die Schale bekam bei einigen Früchten Farbe, ein warmes Ziegelrot bis Terrakottarot mit rost- und bronzefarbenen Nuancen. Durch die feine Punktierung und leichte Berostung auf der Schale wirkte der Rotton matt, erdig und rustikal, ähnlich wie gebrannter Ton. Ringsum krepierten Bäume und stellten Wachstum und Reife ein, doch diese Birne lieferte endlich Qualität.

Was macht den Erfolg aus? 

Belle Epine ist eine "Messerbirne". Saftig,
wirkt aber optisch trocken, griessig und rübig

Ist es also nur die Sorte, die den Erfolg ausmacht? Sorte aus dem Süden pflanzen, dann klappts wieder? Leider nicht. Bei Birnen kommt noch mehr dazu. Alles muss erfüllt sein. Ein weiterer Punkt sind Wurzel und Boden. Auf arteigener Unterlage wurzeln Birnen nämlich mit einer Pfahlwurzel sehr tief, hat der Boden Lehm, dann kann ein älterer Baum damit einen trockenen Sommer gut überstehen, weil er weit in die tiefen und noch feuchten Bodenschichten vordringt, was Äpfel nicht schaffen. Unsere Böden sind an Hängen flachgründig, dort wachsen Birnen aus diesem Grund sowieso nicht. Aber im Tal und oft oben sind sie dagegen tiefgründig. Eine Birne mit Trockenschäden kann also auch auf ungeeigneten Boden zurückgehen.

Volle Kiste gelungener reifer "Belle Epine du Mas"

Die Sortenspreizung der Ansprüche ist bei Birnen viel höher. Man kann nur ausprobieren. Erkenntnisse der letzten Jahre dazu:

Auch das Laub von Dumas Herbstdorn ist gesund
Fruchtfleisch BEdM, wenn sie ausgereift ist
  • Die Herkunft einer Sorte ist nur ein Hinweis, tatsächlich gibts auch Birnen aus dem Norden, die der Hitze widerstehen, beispielsweise hatte ich eine gute Ernte von Clara Frijs (aus Dänemark, dort Hauptsorte). Sie war ausgerechnet auf eine "Uta" aufveredelt, die wie immer völlig versagte und verbrannte, Früchte und Blätter. An der Wurzel und dem Stamm lag es also nicht, denn das war die versagende Uta.
  • Die Sorten im Hausgarten auf Quittenunterlage wurden auch gut, denn hier konnte ich etwas bewässern. Mit Zusatzwasser haben sie die Hitze nicht nur gut überstanden, sondern trugen auch besonders grosse und gute Früchte.
  • Mostbirnen in der Landschaft erreichen in Hitzejahren exzellente Zuckergehalte, die Bäume werden sowieso nur auf geeigneten Bodenverhältnissen gross, ansonsten werden sie nicht alt. Die Gerbstoffgehalte waren aber bei dieser Sortengruppe nicht beeinflusst. Ich habe Saft aus ein paar mir bekannten Sorten gepresst, nach der nötigen Gerbstoffreduktion war er sehr süss, 20% mehr Zuckergehalt wie in früher normalen Jahren.
  • Die Pfahlwurzel im guten Boden eicht nicht: Viele als robust geltende alte Sorten, auch Sommersorten versagten, egal auf welcher Wurzel. Die neuen Wetterverhältnisse mischen auch die Karten neu. Leider gehörten zu den Versagern auch das Stuttgarter Geisshirtle oder die Sommermuskatellerbirne. 
  • Hochinteressant sind nun späte Sorten, die früher aufgrund ihrer Wärmebedürftigkeit nur fürs Spalier empfohlen wurden, sie liegen jetzt häufig im grünen Bereich: Winterdechant, späte gute Luise, Esperens Bergamotte, Edelcrassane, Oliver de Serres, Notaire Lepin, Herzogin von Angoulême, Le Lectier und vieles mehr, das in Deutschland bisher sehr selten war und bestenfalls als Spalierbirne an Hauswänden gut wurde. Nun läuft plötzlich was.
Guter Behang Belle Epine du Mas

Somit ist festzustellen: Bei Birnen besteht begründete Hoffnung im Hobbyobstbau trotz den ständigen Hitze- und Wüstensommern. Wer heute pflanzt, muss das aber nach ganz anderen Gesichtspunkten tun wie noch vor 15 Jahren. In welchen neuen Mustern diese Schussfahrt in ganz neue Wetterparameter hinein endet und wann das sein wird, kann freilich keiner voraussehen. Klar ist, dass auch heute gepflanzte Sorten in 15 Jahren schon wieder untauglich sein können. Da es aber sicher nicht mildfeuchter werden wird, sondern alle Zeichen auf mehr Extreme bei gleichzeitig höheren Temperaturen stehen, ist es mit Sicherheit sinnvoll, bei jeder Obstart auf Hitzetoleranz und Trockentoleranz zu setzen, die verlängerte Vegetationsphase zu nutzen. Birnen sind mit dabei und haben Zukunft.

Einige Früchte ganz schon schwer

 

Samstag, 17. Oktober 2026

Haferwurzel die Dritte: Samengewinnung

Haferwurzelblüte mit Dörnchensandbiene,
die Pollen sammelt

Nach den erstaunlichen Erfolgen mit Haferwurzeln trotz schwerem Boden, Hitze, Trockenheit, Überwinterung und dazu noch ihr guter Geschmack kommt nur ein weiterer wichtiger Aspekt. Die vorigen Beiträge über Haferwurzeln drehen sich um ihren Anbau, Ernte, Verwendung:
https://gartenzone.blogspot.com/2025/11/haferwurzel-tragopogon-porrifolius-neue.html
https://gartenzone.blogspot.com/2026/03/haferwurzel-die-zweite-das.html
Nun gehts an die letzte Stufe, ihre Vermehrung. Das lief genauso einfach wie ihr Anbau vorher. Ein paar Sachen muss man aber schon beachten. Hier eine kurze chronologisch geordnete Abfolge meiner Erfahrungen zu "wie vermehre ich Haferwurzeln?".

 

Anfang bis spätestens Mitte April: Letzte Ernte

April ist Ernteende. Die letzten Wurzeln können noch gegessen werden. Das geht erstaunlich lange, bis der Blütenstengel nach oben drängt, dann werden sie wie alle Wurzelgemüse wattig und holzig, schrumpfen wieder. Bis April können Haferwurzeln ohne spezielles Lager direkt aus dem Garten den ganzen Winter über geerntet und gegessen werden, sofern der Boden nicht gefroren ist. Im Zweifel - stehen lassen und Samen für die nächste Aussaat abnehmen. oder sich an den schönen Blumen erfreuen.

 

Erste Maiwoche: Blütenstengel

Der Blütenstengel erscheint, geht schnell nach oben, Blütenknospen erscheinen. Wie bei allen Bocksbartgewächsen ist auch die geschlossene Knospe essbar und auch roh gar nicht mal schlecht. Geschossene Pflanzen, von denen man keine Samen ernten will lassen sich somit auch noch verwerten.

 

Ab zweite Maiwoche: Blühbeginn

Die erste grosse, violette Blüte geht auf. Danach blühen die Pflanzen stark folgernd für und zwei Wochen. Eine Pflanze kann auch mehrere Blüten zeigen. Auch typisch für alle Bocksbartgewächse ist eine Blüte nur kurz offen, vormittags, gegen Mittag schliesst sie sich wieder. Insekten fliegen sie an, die Haferwurzel bietet etwas Nektar und viele Pollen. Besonders Wildbienen fliegen sie gerne an, Hummeln seltener weil die vor allem am frühen Morgen unterwegs sind, Die Pollen sind bald abgefressen. Die schnell verblühten aber befruchteten Blüten schliessen sich wieder dauerhaft und bleiben erst einmal geschlossen. 

Blüte der Haferwurzel mit Pollenständen

Die ganze Reihe

Halbierte Blütenknospe

 

Ab erster Juni: Samenstände fliegen davon

Die Schirmchen mit den Samen erscheinen

Wochen später gehen sie plötzlich fast gleichzeitig wieder auf, haben dann Schirmchen, die vom Wind weggeweht werden. Das passiert enorm schnell, noch nicht richtig geöffnet fliegt schon alles davon und der nackte Blütengrund bleibt zurück, darunter die trockene Restpflanze. So weit sollte man es nicht kommen lassen! Dann sind die Samen weg. Man sieht den reifen Knospen schon an, wann sie sich öffenen wollen. Dann abschneiden und die noch nicht geöffneten Schirme auch gleich abschneiden, Samen ausbreiten und trocknen. Sie sollen mehrere Jahre keimfähig sein. Es gelten die üblichen Regelungen zur Lagerung, kühl und dunkel, keine Temperaturwechsel. Für eine direkte Aussaat, die zu einer diesjährigen Ernte führen könnte ist es jetzt aber zu spät. Die Aussaat muss also früher passieren, mit Samen des vorigen Jahres. In der zweiten Juniwoche ist alles abgeflogen.

Besser abschneiden, bevor sie davonfliegen

Die Samen. Graben sich durch Wind mit ihren Schuppen selbst in die Erde ein.


Anfang Oktober: Selbst ausgesamte Jungpflanzen erscheinen

Sieht aus wie Gras, ist aber eine junge Haferwurzel

Eine Vermutung bestätigt sich: Es gibt Wildaufgänge im Garten. Relativ gleichmässig sogar. Ende Oktober kann man die Pflanzen auch eindeutig identifizieren, vorher verwechselt man sie mit einem Gras. Man spürt es auch an der besonderen "nicht rutschigen" Textur des Blättchen. Als Invasiv würde ich sie aber nicht bezeichnen, aber sie ist zur Selbstvermehrung durchaus in der Lage. In Küstennähe und Österreich ist sie auch von selbst verwildert und eingebürgert. Hier könnte das auch noch geschehen, weil die Winter nicht mehr wirklich kalt sind.

Die natürlich verbreiteten Samen ruhten den trockenen heissen Sommer über in der Erde, ohne zu keimen, auch an gut bewässerten Stellen. Anfang Oktober keimten sie, als es kühler und generell wieder feuchter wurde. Eine Stratifikation durch Kälte war also unnötig für die Keimung, aber die Sommerhitze blockierte einen sofortigen Aufgang. Das ist aus evolutionärer Sicht auch logisch: In Regionen des östlichen Mittelmeers, wo die Art herstammt hätten kleine Jungpflanzen im Sommer keine Chance, sich zu entwickeln, es ist zu trocken dafür. 

Einige Jungpflanzen lasse ich in der Erde - mal sehen, ob sie nächstes Jahr gleich blühen wollen oder ob sie erntefähige Wurzeln bilden. Möglicherweise ist das Klima so weit verändert, dass Herbstaussaaten möglich werden, wer weiss.

Sie keinem einfach überall, auch in Fugen

Gute Samenernte

Der verwandte Wiesenbocksbart, Wildpflanze, ebenfalls mit Dörnchensandbiene

Samstag, 19. September 2026

Tafeltraubenqualität im neuen Wetter

Erste Lieferung aus Süditalien bei
"Feinkost Albrecht"

Längst enthält die Standardeinleitung in diesem Blog die Dauerfeststellung, dass sich das Wetter, das Klima sehr stark geändert hat. Nichts stimmt mehr, nichts ist so wie früher. Auch dieses Jahr alles anders am Beispiel von Tafeltrauben: Extrem früher Austrieb wegen warmer Wochen im Winter, dann nochmal Frost, was die gerade aufgebrochenen Knospen vieler Reben zerstört hat, vor allem die "günstig" warm stehenden, weil die erst recht früh ausgetrieben haben. Danach folgte ein Frühling mit ständig knapp frostkalten Nächten, was innerhalb weniger Tage in frühe und brutale Hitze umschlug, mehrere Hitzewellen verkochten anschliessend alles. Gleichzeitig fiel drei Monate lang kein Regen und das geht sogar noch weiter. Dieses Muster hat sich die letzten Jahre sehr oft genau so wiederholt, mit immer stärkeren Ausprägungen. Der erste magere Regen fällt dabei frühestens wieder Anfang August, manchmal auch erst viel später. Typisch: Knochentrocken zur besten Wachstumszeit, Regen wieder zur Reife. Und dann wird auch das Platzrisiko hoch.

Ende Juli waren die ersten Sorten ab breiter Front süss und reif. So früh wie nie. Sie lagen nur noch zwei Wochen hinter den ersten europäischen Tafeltraubenlieferungen aus Sizilien, vorher wird vor allem aus Indien und Ägypten importiert.

 

Was passiert im neuen Klima mit Tafeltrauben? 

Kischmisch Zitroni, fett und schön,
aber nicht ganz die Güte eines milderen Jahres

Leider wurde dieses Jahr Gewissheit, was sich vorher schon zeigte, aber nicht so eindeutig war: Bukett, Aroma, Qualität der frühen Sorten leiden stark in diesem neuen Wetter auf hohem Temperaturniveau plus Wassermangel:

  • Das beliebte Muskataroma und seine Variationen fallen sehr schwach aus. Fuchs/Erdbeeraromen bei Hybridsorten, die danach schmecken (z.b. Venus) werden auch schwächer, verändern sich manchmal in andere Richtungen, selten in angenehme.
  • Die Reife läuft anders ab. Die Beeren enthalten viel Zucker, aber noch viel Restsäure. Der Zuckergehalt geht schnell nach oben, aber Reife noch nicht da. Ausserdem ist auch die Säurestruktur unharmonisch. Trauben enthalten zwei Hauptsäuren, Apfelsäure und Weinsäure. Typisch bei normaler Reife ist ziemlich gradliniger Apfelsäureabbau, der Weinsäuregehalt bleibt dagegen stabil, nur durch den Verdünnungseffekt der noch wachsenden Beeren sinkt sie leicht ab. Dieses Jahr bekam man den starken Eindruck, dass die absoluten Säuregehalte zwar nicht wirklich hoch sind, aber der Apfelsäureabbau (vielleicht trockenstressbedingt?) nicht in die Gänge kam, mindestens aber nicht kongruent mit dem Zuckeraufbau war. Ergebnis: Unharmonische Säurestruktur, Apfelsäure wird stärker als unreif, aggressiv, "grün" und stechend wahrgenommen. Weinsäure wirkt geschmacklich frisch, lebendig, klar und "weinreich".
Typische kleine Traube einer Nachblüte

Das schwache Aroma bewies sich auf eindrucksvolle Weise durch einen unerwarteten Kontrast. Verschiedene Reben hatten nämlich kleine spätere Sekundärgescheine, das ist ein häufiger Effekt, wenn Knospen und Blüte frostgeschädigt werden. Das sind Nottriebe und Ersatzgescheine. Nachdem die grossen ungeschädigten Trauben reiften, beginnen zwei bis drei Wochen später diese kleinen späten Trauben aus Notblüten zu reifen. Und zwar lief die Reife in einer ganz anderen Wetterlage ab: Die Temperaturen waren so, wie früher üblich, also keine Dauerhitzewelle mehr, sondern 22-30° C und ein erster Regenguss.

Überraschenderweise schmeckte diese Nachernte klasse und hatte genau die Blumigkeit und Aromen, die ich von den jeweiligen Sorten kenne. Kischmisch Zitroni hatte diesen Zitronenschaleton, Druschba hatte Muskat, Jupiter hatte Erdbeer-Zwetschge. Beeren von denselben Stöcken, während der Hitze reif geworden haben dagegen kaum Aroma oder nicht so gute Nebentöne, auch einen höheren Gerbstoffgehalt. Sie waren schnell süss und reif gebrannt, aber erlebten fast keine Aromenbildung bzw. schnellen Aromaabbau.

Andere Faktoren, Schnittechnik etwa, hatten keinen Einfluss auf die obengenannten Effekte, aber auf andere Probleme. Etwa Sonnenbrand. Man sollte heute beim Sommerschnitt Trauben besser im Schatten lassen. Den Einfluss von Bewässerung konnte ich nicht untersuchen, so viel Wasser habe ich nicht, um voll bewässerte Stöcke zum Vergleich zur Verfügung zu haben. 

 

Neue Schwerpunkte bei der Sortenwahl

Sonnenbrand

In diesem neuen Wettermuster werden Sommersorten qualitativ schlechter und späte Sorten werden immer wichtiger. Auch deshalb, um über Anfang September hinaus überhaupt noch Tafeltrauben zu haben, denn was früher als "sehr spät" galt, reift heute Anfang September und obwohl das Jahr noch wochenlang mild und warm ist, hat man keine Tafeltrauben mehr.

Die geschmacklich hohl gewordenen Sommersorten schmecken mir nicht mehr, Trauben mit dieser mässigen Aromaqualität kann ich genausogut kaufen. In der Konsequenz habe ich die kernlosen Sorten verstärkt zu Rosinen verarbeitet und viel Federweisser hergestellt. Angegoren und schnell getrunken geht alles. Es wird noch viele Jahre dauern, bis Rebenverkäufer Angaben machen zur Aroma-Hitzetoleranz der Sorten, die sie gerne verkaufen würden. Falls sie das überhaupt je tun, denn verkaufsfördernd werden Einschränkungen nicht sein. Bei frühen Sorten sollten wir da generell nicht zu viel erwarten - sie reifen heute typischerweise in der Zeit voller Hitze.



 

Mittwoch, 26. August 2026

Melonen Kreuzungen Chamoe mit Zuckermelonen

Im Garten überleben immer mehr Samen empfindlicher Gemüsearten den Winter. Tomaten, Paprika und Kürbis benehmen sich bereits wie invasives Unkraut, das flächendeckend im Garten von selbst aufgeht. Aus Kompost oder von untergehackten Fruchtresten des letzten Jahres. Etwas seltener passiert das mit Melonen, aber es passiert. Auch dieses Jahr sind wieder Sämlinge aufgegangen. Ein paar lasse ich wachsen, wenn sie zufälligerweise gut stehen.

Das "Geburtsbeet", zwischen den Paprika
wächst sie.

 

Was verkreuzt sich gerne? 

Auffällig ist, dass es fast immer Kreuzungen mit dem Elternteil einer koreanischen Chamoe - Melone (in Japan: Makuwa) sind, obwohl ich davon nie viele Pflanzen im Garten habe. Die Samen scheinen robuster und frostfester zu sein. Man kann das am Sämling schon an den Blättern erkennen, wenn man Chamoe-Melonen hat und kennt, an den Früchten sowieso. Die Blätter sind etwas kleiner, fester und besitzen Ränder mit Formen, die etwas von Fledermausflügeln haben. Diese Art baue ich schon seit vielen Jahren an, auch hier gibt es Beiträge dazu: https://gartenzone.blogspot.com/search?q=Chamoe

 

Der Zufallssämling 

Dieses Jahr entstand ein angenehm wachsender, schöner und gutschmeckender Zufallssämling mit erstaunlichem Ertrag. Es kann sich also lohnen, nicht alle Zufallssämlinge gleich auszureissen. Sie war erkennbar eine Kreuzung zwischen einer Chamoe und höchstwahrscheinlich einer Petit Gris de Rennes Melone, die ich ebenfalls jedes Jahr anbaue. Die Pflanze wuchs in einem Beet mit nicht besonders guter Erde, blieb aber wurzelgesund und wuchskräftig. Sie setzte fünf oder sechs Früchte an, brachte sie zur Reife und fruchtete danach stetig weiter, ähnlich Chamoe-Melonen.

Stiellösend

Wie bei fast allen Melonen nördlicher Breiten dauerte es von erfolgreicher Befruchtung der Blüte bis Reife einer Frucht etwa vier Wochen. In dieser Zeit wuchsen recht uniforme Früchte heran, länglich aber weniger oval als eine Chamoe, mit glatter Schale, Linien von Pol zu Pol. Bei Vollreife löste sich der Stiel von selbst und die Schale bekam dann ein paar gelbliche Streifen. Die Früchte waren kompakt, wogen bis 700 Gramm, dufteten nach Chamoe. Auch die Haltbarkeit war günstig und lag nahe an den gut haltbaren Chamoe. Aufgeschnitten zeigten sich im Kernbereich mehr Kavernen als bei Chamoe und die Kerne waren härter, also nicht essbar. Aber das Kernhaus enthielt auch süssen Saft mit über 70° OE. Das Fruchtfleisch war rosa, nur leicht blasser als eine Petit Gris. Deutlich süsser als eine Chamoe, Aroma würziger und kräftiger als Chamoe, auch mit Moschus, Vollsüsse und Erdbeertöne wie eine Petit Gris de Rennes. Die typische nussige Chamoe-Würze war unverkennbar ebenfalls vorhanden, das ganze Ding war eine Aromaaddition beider Sorten ohne Abstriche. Keine Spur von Bittere. Fruchtfeischstruktur genau in der Mitte beider Arten. Kann ich mir besonders gut in einem Obstsalat vorstellen, wo sie die Form schön halten dürfte und mit dem Aroma neben anderen kräftigen Obstsorten besteht.

Grössenvergleich mit diversen anderen Melonen

Im Lagerversuch überstand sie eine Woche im Keller problemlos. Das ist erstklassig, keine Charentais-Melone schafft das. Dieses Erbteil stammt von der Chamoe-Seite. 

Geschält, geschnitten.

Angenehm zu essen, gute Grösse, gesunde Pflanze, gut lagerfähig. Tatsächlich sind derartige Kreuzungen auch in Asien durchgeführt worden, um Chamoe - Melonen genetisch aufzuhübschen, sie süsser und grösser zu machen. Aus der europäischen Melonenwelt bietet sich da eine grosse Vielfalt von Sorten an, die solche Eigenschaften mitbringen. Schafft man über mehrere Kreuzungsstufen eine gute Kombination mit erwünschten Eigenschaften von Chamoe Melonen, erhält man Melonen mit guten Marktchancen und so war es dann auch. Wie sich nun zeigt, ist der erste Schritt nicht schwer und man kann damit Glück haben. Um die Kreuzung zu stabilisieren, müsste man freilich weitere Fremdbefruchtung verhindern und eine Auswahl aus vielen Absaaten der jetzigen Pflanze treffen. Dafür fehlt mit der Platz im Garten, aber es sieht machbar aus, hätte man etwas mehr Ressourcen.

Fruchtgewicht

 

Wer will Samen? 

Die Samen habe ich trotzdem entnommen, aus den ersten Früchten die früh blühten und aller Wahrscheinlinlichkeit nach eine Selbstkreuzung sind. Es war nur eine andere Melonenpflanze in der Nähe und die blühte defintiv später. Gurken, weitere Melonen nur auf der anderen Seite des Grundstücks. Mal sehen, was nächstes Jahr herauskommt. Wer es auch probieren will, soll sich melden, ich verschenke gerne welche von den Samen. Zu erreichen bin ich z.B. über Threema, ID Z2ZZD3FY oder Telegram, @legan15




Samenernte

Samen trocknen

Samstag, 28. März 2026

Haferwurzel die Zweite - das Frühlingsgemüse

Haferwurzel im März geerntet

Im früheren Beitrag zu Haferwurzeln https://gartenzone.blogspot.com/2025/11/haferwurzel-tragopogon-porrifolius-neue.html kam es schon zur Sprache, als was für ein erstklassiges Wintergemüse sich diese Art entpuppte.

Nun hat der Frühling begonnen, die Bäume blühen und eine Reihe Haferwurzeln ist noch übrig, die werde ich zur Samengewinnung stehen lassen. Eine wichtige Ergänzung kann man aber jetzt schon machen: Der Winter war kühler wie die letzten Jahre, die Warmphasen waren feucht, was fürs Wintergemüse ungünstig war. Das verursachte Frostschäden an freiliegenden Wurzeln an der Bodenoberfläche und der Schneckenbefall durch die Gartenwegschnecke war wieder mal enorm. Aber nicht bei Haferwurzeln! Noch vor kurzem, Mitte März habe habe ich Haferwurzeln ausgegraben, eine der wenigen Gemüsearten die noch so lange erntefähig waren. Da zeigte sich:

  • Keinerlei Schneckenbefall. Teils sassen Schnecken im Boden unmittelbar an der Wurzel, trotzdem kein Frass, kein Loch, kein Schaden.
  • Keine faulen Stellen trotz langer warmer Regenphasen vor und nach der Kälte. Winterkohl faulte deshalb teilweise und ein Raupenfrass fing wieder an.
  • Besonders schön war, dass die Güte der Wurzeln sogar noch anstieg, ich hatte den Eindruck, das Aroma verstärkte sich, auch die Süsse. Die Haferwurzeln wurden auch im März weder faserig noch holzig noch wattig noch zeigten sie Hohlräume.
  • In Wärmephasen wieder leichtes Wachstum. 

Als Wintergemüse zeigen sie damit eine gute Kombination beinahe einzigartiger Eigenschaften. 

Astreine Innenqualität der Haferwurzeln

 

Dienstag, 17. Februar 2026

Honig lagern - beim Imker und zu Hause

Honig ist ein sehr gut haltbares Bienenprodukt. Archäologen fanden Honig in versiegelten Tongefäßen ägyptischer Grabkammern, Alter 3000 Jahre und mehr – genießbar, gut. Solange keine Feuchtigkeit hinzukommt, bleibt er kristallisiert, süß, malzbonbonartig, essbar. Gleiches gilt für Bienenwachs. Für die Archäologie sind das wichtige Funde, denn aus dem enthaltenen Pollenspektrum lassen sich ganz exakt die damaligen Trachtpflanzen der Bienen feststellen. Wie sah das alte Ägypten aus, was wuchs damals? Honig und Wachs beantworten das und geben interessante Einsichten in die damalige Botanik. Man weiß deshalb zum Beispiel, dass damals der Anteil von verschiedenen Nutzbäumen hoch war, die mehrere Zwecke erfüllten: Fruchtlieferanten, Holzlieferanten, Windschutz, Erosionsschutz, vor Tempeln. Beispiele für häufige Trachtlieferanten damals sind der Persea-Baum, Zachun-Baum, echte Akazien, Mandeln.

Auch in Deutschland helfen Bienenprodukte bei der Feststellung, was früher hier gewachsen ist und wie häufig. Die pollenhaltigen Rückstände von Met an den Rändern von Kesseln keltischer Gräber in Deutschland beantworten das.

Im trauten Heim sind die Anforderungen geringer. Wir wollen Honig nicht endlos aufbewahren, aber ein paar Monate mit vollem Aroma und wertgebenden Inhaltsstoffen sollen es sein. Zunächst stellt sich die Frage:

Was ist typisch für alten Honig? 

Phasentrennung an Blütenhonig

Wann und wie wird Honig eigentlich alt? Typisch bei Honig ist, dass er nicht schlecht wird. Das wird er nur bei falscher Lagerung (offen, feucht, warm), falscher Verpackung oder wenn er schon von Anfang an einen zu hohen Wassergehalt hat: Dann gärt er irgendwann, das war’s dann. Er schäumt und drückt sich aus dem Glas. Giftig ist er auch dann nicht, backen und kochen geht damit noch problemlos.

Typisch ist auch eine abgeschwächte Enzymaktivität von Invertase und Diastase. Diese Enzyme lieferten die Bienen. Wertlos wird er deshalb nicht. Außerdem erhöht sich der HMF-Gehalt. Das ist Hydroxymethylfurfural, ein Abbauprodukt von Fruktose, das sich mit der Zeit bildet – bei Wärme, viel Säure und falscher Behandlung schneller. Man kann es als eine Art innere Uhr sehen. HMF selbst ist für Menschen unproblematisch. Es entsteht ebenso in Limonaden und Fruchtsäften, Pflaumenmus, Trockenobst – überall, wo Zucker ist, der warm und lange gelagert wird.

Älterer Honig erlebt auch oft eine Phasentrennung, oben gibt es dann eine Flüssigschicht. Oder die oberste Schicht dunkelt nach. Das passiert vor allem bei Honigen, die cremig gerührt wurden, nicht bei durchkristallisiertem Honig.

Einen typischen Altersgeschmack oder ein Fehlaroma aufgrund von Alter gibt es jedoch nicht. Waldhonig bleibt lange ziemlich geschmacksstabil. Die feineren Aromen aus den Blütenhonigen werden meistens ganz langsam schwächer. Wenn nach langer Zeit ein Aroma dazukommt, dann eine Art malziger Ton, Trockenfrucht, Sherry.

Wie wird die Alterung von Honig verlangsamt?

Phassentrennung auch bei teurer Markenware aus
"EU- und Nicht-EU-Ländern". 

Durch gute Lagerung und gute Behandlung bei der Abfüllung. Gut gelagert bedeutet: so kühl wie möglich, bis hin zu leichten Minusgraden. Eine Grenze liegt bei 15 °C, längere Lagerung sollte diese Temperatur niemals überschreiten. Darüber baut sich die Enzymaktivität zu schnell ab und der HMF-Gehalt zu schnell auf. Weitere Voraussetzungen: dunkel und trocken. Ein trockener, kühler Keller. Niemals in der Küche lagern, womöglich noch in der Nähe von feuchten Kochdämpfen, auf Regalen in Herdnähe.

Gut abgefüllt hinsichtlich bester Lagerung wird er so, dass er feinsteif wird: streichfähig und leicht entnehmbar, aber fest, formstabil; man kann das Glas kippen, ohne dass er herauskriecht. Dieses Optimum ist nicht einfach zu erreichen, vor allem nicht mit viel Technik – das hilft nicht.

Was sagt das Mindesthaltbarkeitsdatum bei Honig aus?

Eigentlich wenig. Das MHD ist Vorschrift, darum steht es auf der Verpackung. Es stellt eine Prognose für die Zukunft dar und orientiert sich daran, wie lange ein Lebensmittel bei richtiger Lagerung seine typischen Eigenschaften behält. Die angegebene Mindesthaltbarkeit beruht bei Imkerhonig aber nur auf gutem Willen und Schätzungen aufgrund von Erfahrungswerten. Da Honig vom Imker in der Regel kein normiertes, aus verschiedenen Herkünften verpanschtes, abgemischtes oder gar industriell behandeltes Produkt ist, sondern jedes Jahr anders wird (Konsistenz, Inhalt, Verarbeitung differieren), lässt sich ein solides Mindesthaltbarkeitsdatum bei Imkerhonig nicht wirklich vorausberechnen. Man schätzt es also und zieht noch kräftig davon ab, um auf der sicheren Seite zu sein. Ziel ist, einen Zeitraum zu nennen, während dem der Honig noch sehr dem Stil und der Güte ähnelt, die er nach der Abfüllung hat, und seine wertgebenden Inhaltsstoffe (z. B. Enzyme) noch weitgehend vorhanden sind. Ich sehe mir den Honig und seine Analysewerte also genau an und berücksichtige folgende Faustregeln:

  • Heller Frühlingsblütenhonig aus vorwiegend Raps, cremig, liegt mit einem Jahr Haltbarkeit ganz gut. Er ist gerührt und deshalb der Zeit phasentrennungsgfährdet, vor allem wenn zu warm gelagert. Sein hoher Rapspollengehalt lässt ihn auch früh etwas "gilbig" schmecken; das tritt auch deshalb hervor, weil er sonst wenig starke Aromen hat.
  • Frühlingsblütenhonig mit Wassergehalt über 17,5 bis 17,7%: Nur bis Weihnachten im Erntejahr. Je mehr Wassergehalt, desto höher das Gärrisiko bei Zimmertemperatur.
  • Sommerblütenhonig mit Honigtauanteil, bräunlich: Oft geringer Wassergehalt, wenn er feinsteif kristallisiert ist dieser Honig problemlos mit zwei Jahren Haltbarkeit auszuzeichnen, gerührt und cremig etwas kürzer. Die Aromen bleiben meist gut auf der Höhe, sind kräftig.
  • Honigtauhonige, die sehr lange flüssig bleiben, dunkel, egal ob von Laub- oder Nadelgehölzen: Mindestens zwei Jahre. Das Aroma bleibt nach auch Jahren unverändert, aber die kristallisieren von unten her und manchmal nicht schön - ein optisches Problem, leicht zu lösen durch Erwärmung auf max. 40°C.
  • Leuchtend gelber Frühlingsblütenhonig der allerersten Schleuderung, vor der Rapstracht, manchmal schon im April: Sechs bis acht Monate. Dieser allererste Frühhonig hat in einigen Jahren eine fantastische Aromatik, mandelartig nach Kirschblüten, parfümiert nach Wiesenblumen und leicht Löwenzahn. Das ist auch nach einem Jahr noch gut, aber im Vergleich zum Frischzustand mit deutlichem Verlust. Hier darf man nicht lange warten, sondern sollte bald abfüllen, bald verkaufen, bald essen. Ein Genuss, der nicht fürs Langlager ist.

Die grossen Importeure, die alles normiert abmischen und zentrifugieren gehen bei ihrem flüssigen Honig von zwei Jahren aus. 

Die Geheimnisse der guten Konsistenz im Honigglas

Nachdem klar ist, wie sich Inhalt und Aromen entwickeln, geht es jetzt ans „Eingemachte“: seine Konsistenz im Glas und wie man die ohne viel Technik optimiert. Erst einmal der Weg des Honigs ins Glas geschildert: aus den vollen Waben schleudern, filtern, abschäumen, im großen Eimer stehen lassen, eventuell kurz rühren, abfüllen in Gläser, Deckel drauf und Etikett dran. Gerührt wird er, um die Zuckerkristalle von eben gerade oder bereits kristallisiertem Honig etwas abzuschleifen. Danach wird er nicht mehr richtig fest bzw. bleibt cremig: Die angeschliffenen Zuckerkristalle verhaken sich weniger ineinander. Viele Imker verwenden für die Abfüllung auch ein Gerät mit dem Namen Melitherm, das ich ablehne. Damit lässt sich auch bereits fest gewordener Honig abfüllen, aber die dafür nötigen Heizspiralen für eine kurze Schmelze erhitzen mir den Honig zu stark; das ist mir auch zu viel unnötige Technik, anstatt besser auf das Produkt zu achten.

Was ist nun eine gute Konsistenz? Das entscheidet letztlich der Honigeniesser. 
  • Feinsteif. Streichfähig, aber gerade noch fest.
    Einig sind sich die Leute meistens, dass "bockelhart" nicht gut ist, wenn das Messer beim rausholen abbricht. Füllt man Rapshonig sofort ab, wird er so und auch manche Sommerhonige können ganz schön fest werden. Klar kann man ihn dann vorsichtig erwärmen um ihn zu erweichen, aber man möchte ihn natürlich lieber fixfertig konsumierbar. 
  • Halbflüssig mit einem "Kristallsumpf" grober Zuckerkristalle unten im Glas ist auch nicht beliebt. Oben flüssig, unten knirschen die Kristalle.
  • Rührt man ihn wie oben beschreiben vor der Abfüllung, wird er cremig, was Viele mögen, aber man muss höllisch aufpassen, ihn dabei nicht zu überrühren. Dann wird er fliessend cremig und die Gefahr einer Phasentrennung auf dem Lager steigt steil an, auch wenn er lange gelagert wird passiert das bei cremigem Honig leicht. Oben im Glas ist er dann ganz flüssig und klar, und unten hin zäher und undurchsichtig. Gärrisiko, die Flüssigphase hat hohen Wassergehalt! Nicht gut, sogar ein Fehler, den keiner mag.
  • Gerührt, nicht geschüttelt.
    Komplett flüssig. Mögen auch viele. Sorten, bei denen der Honig auf natürliche Weise flüssig bleibt gibts in Deutschland aber selten und meist bleibt er auf Dauer doch nicht flüssig. Hängt eben von der Tracht ab - Robinie und Waldhonig ohne Blütentracht sind nah dran. Tricks wie zentrifugieren, wie es Firmen für ihren Quetschflaschenhonig machen macht ein Imker nicht.
  • Knapp gerührt mit viel Erfahrung je nach Honigsorte bekommt man ihn "feinsteif" hin, vor allem unter Anwendung des unten beschriebenen Zusatztricks mit Hilfe von Mutter Natur. Das mag eigentlich jeder. Ich auch. Kaum Risiko für Phasentrennung, streichfähig, kann man auch "lutschen". Beste Lagerungseigenschaften.

Wie wird Honig "feinsteif" ohne Technik? 

Ganz unten an der Nord-Kellertreppe, oben abgedeckt

Der Griff in die Trickkiste sieht so aus: Im Winter fülle ich in der Regel fürs ganze Jahr ab und nutze typische Temperaturkurven der Jahreszeit. Das klappt natürlich nur draußen; im Keller ist es gleichmäßig kühl bzw. warm. Direkt nach der Abfüllung kommt der Honig also im Glas ins Freie. Aber niemals ins Licht. Er steht tief unten an einer Kellertreppe auf der Nordseite, trocken, lichtgeschützt. Frost ist dort abgeschwächt. Umgekehrt bleibt es an warmen Tagen kühl. Trotzdem schwankt dort die Temperatur, mindestens täglich zwischen Tag und Nacht. Diese Schwankungen im durchgängig winterkühlen Bereich sind ideal. Täglich um ein paar Grad runter und rauf sorgen bei leicht gerührtem Honig für eine sehr schnelle, gleichmäßige, gute Kristallisation ohne Phasentrennungseffekte. Der Honig erreicht durch diese sanften, aber beständigen Schwankungen schnell und sicher die erwünschte feinsteife Konsistenz, bevor eine Phasentrennung einsetzen kann. Gleichzeitig halten ihn die tiefen Temperaturen sehr frisch, viel besser als im Keller, der wie alle Häuser heute zwischen 10 und 15 °C liegt, im Sommer auch mehr. Gerade der Frühlingsblütenhonig profitiert sehr davon; direkte Vergleiche desselben Honigs aus verschiedenen Lagern zeigen das. Werden die Tage wärmer, kommt er natürlich wieder ins Haus. Dabei wird er auch noch einmal kontrolliert: Welche Konsistenz hat er jetzt tatsächlich? Sitzen die Deckel so fest wie bei der Abfüllung? So arbeitet das Wetter statt das Melitherm.